Meine Patientin starb an einem Dienstag im Frühdienst

aus Berlin


Wir genossen an diesem Tag den absoluten Luxus mit 3 Leuten vom Stammpersonal geplant worden zu sein. Dieser Luxus löste sich allerdings in Schall und Rauch auf, als ich zum Frühdienstbeginn die Station betrat. Dort befand sich bereits das Personal auf dem Flur und war gerade dabei, zwei Patient:innen aufgrund von massiver Aggressivität zu fixieren. Das bedeutete für uns, dass von den 3 Kolleg:innen, die im Frühdienst arbeiten sollten, noch vor Dienstbeginn 2 in die 1:1-Betreuung gehen mussten. Mein Kollege war dadurch eine Zeit lang ganz allein auf Station. Ich hatte das Glück den von mir betreuten, fixierten Patienten nach einer Weile wieder defixieren zu können.

In der Übergabe, die ich anschließend von meinem allein gebliebeben Kollegen auf Station erhielt, erfuhr ich, dass eine langjährige Patientin am Vortag ein Waschbecken in ihrem Zimmer zertrümmert hatte, um sich mit den Scherben die Pulsadern aufzuschneiden. Sie wurde mit ihrem Bett vor die Kanzel auf den Flur geschoben, damit wir sie engmaschig sichten können. Eine 1:1 Betreuung wurde nicht angeordnet. Ich wurde stutzig.

„Woher willst du das Personal dafür nehmen?”, war die Antwort auf meine Frage danach, „Sie ist doch direkt vor der Kanzel und darf das Bett nicht verlassen. Da seht ihr sie doch.”

Hinten im Raucherraum fing ein Patient an zu schreien, weil ein anderer Patient seine noch qualmende Zigarette in den Mülleimer geworfen hatte. Ich habe daraufhin ein paar Wasserflaschen darauf ausgekippt, dem schreienden Patienten einen Kaffee versprochen, damit er sich nicht weiter über den Mülleimer aufregt, die beiden anderen lauten Patient:innen auf dem Flur eingegrenzt und in ihre Zimmer geschickt, weil sie sich gegenseitig verprügeln wollten, um schließlich zu meiner suizidalen Langzeit-Patientin zurückkehren zu können.

Doch dies war mir immer noch nicht möglich. Im nächsten Moment musste ich die offizielle 1:1 Betreuung unterstützen, weil die fast nackte, manische Patientin schubsend ihre Zimmerbegrenzung durchbrechen wollte. Dann musste ich noch eben einem hochpsychotischen Patienten Bedarfsmedikation gegeben und dann den Anruf aus dem OP entgegennehmen, in dem mir mitgeteilt wurde, dass sie einen meiner Patienten jetzt operieren könnten, der Patientenbegleitservice diesen aber nicht alleine runter bringen darf, sondern jemand vom Festpersonal mit runterkommen muss.

Mein Kollege schickte mich, weil er gerade ebenfalls mittendrin war, einen zunehmend angespannten Patienten zu deeskalieren, der durch die Visite aggressiv geworden war. Auf dem Weg zurück aus dem OP, fragte ich mich, wie es wohl meiner Langzeit-Patientin gerade ging. Als ich auf Station ankam, fand ich meine Patientin nicht mehr auf ihrem Bett, sondern im großen Bad, in dem sie sich eingeschlossen hatte. Sie hatte sich den Duschschlauch um den Hals gelegt und sich damit neben der Badewanne erhängt. Eine Reanimation war nicht erfolgreich.

Daraufhin hagelte es eine Welle von Krankmeldungen unseres Stammpersonals. Urplötzlich erhielten wir für 1-2 Wochen zusätzliches Personal von anderen Stationen und externes Personal, um uns „in dieser schweren Zeit zu unterstützen”. Aber wo war die Unterstützung vorher, als wir sie so dringend gebraucht haben?

Es gab später eine Besprechung zu dem Suizid, an der sogar jemand aus der Leitungsebene der psychiatrischen Abteilung teilnahm und dort stellten wir ihm genau diese Frage. Seine Antwort sorgte dafür, dass auf die Krankheitswelle eine Kündigungswelle folgte.

Er sagte: „Ich verstehe gar nicht, worüber ihr euch so aufregt. Ihr habt sogar eine Stelle mehr als die andere geschlossene Psychiatrie hier im Haus. Personalmangel ist gar nicht euer Problem. Ich glaube, euer Problem ist, dass ihr keine Struktur habt. Wenn ihr strukturierter gearbeitet hättet, würde eure Patientin vielleicht noch leben.” Als wäre diese Aussage nicht schon genug gewesen, um uns zum Heulen zu bringen, wurde uns im Verlauf eröffnet, dass die Personalkosten für unsere Station momentan ohnehin sehr hoch seien. Man sehe es ein, dass wir „in dieser schweren Zeit” Unterstützung bräuchten, aber so langsam mögen wir uns doch bitte darum bemühen, wieder auf die Beine zu kommen und das alleine hinzukriegen, weil das Leasing-Budget fast aufgebraucht wäre und wenn wir noch zu lange und zu viel externes Personal benötigen würden, dann müsse man uns vielleicht in Zukunft eine Stelle streichen, um von dem dort eingesparten Geld das Zusatzpersonal finanzieren zu können.

Ich war wütend. Mittlerweile bin ich nur noch unglaublich traurig, denn solche Geschehnisse sind keine Einzelfälle, sondern sie ziehen sich durch das gesamte Krankenhausmanagement und durch alle Fachbereiche. Habt ihr etwa vergessen, dass es hier um Menschenleben geht? Dass es massiv gefährlich ist, wenn man einem einzigen Krankenpfleger die Verantwortung für fast 30 Akutpatient:innen überlässt?