Wenn Wahnvorstellungen real werden

aus Berlin


Vier Stunden meiner Schicht in der Rettungsstelle waren bereits um. Ich habe in dieser Zeit Patient:innen mit Herzinfarkten, Schlaganfällen, gebrochenen Knochen und anderen Krankheitsbildern versorgt. Gemeinsam mit 3 weiteren Kolleg:innen im Dienst, als wir eigentlich zu siebt hätten sein sollen.

Als ich ins CT eilen will, um der Neurologin ein Schlaganfall-Medikament zu bringen, werde ich von einem sehr unruhigen Patienten gestoppt. Ein psychiatrischer Patient, der seit Stunden mit Wahnvorstellungen wartet. Er sagt mir nur: „Schwester, da läuft jemand aus!”

Ich verdrehe die Augen und denke mir „Oh man, für sowas habe ich gerade keine Zeit”. Es ist schlimm genug, dass wir in der Rettungsstelle nicht die nötige Zeit haben uns adäquat, um psychiatrische Patient:innen zu kümmern, doch darum geht es hier nicht. Dann sah ich seine panischen Augen und drehte mich um. Mein nächster Gedanke war: „Oh Gott. Der Patient hat nicht übertrieben.” In dem Moment sah ich zum Glück einen Kollegen aus dem Augenwinkel. „Mach den Schockraum frei! Ich brauche sofort einen Internisten!” rief ich.

Der Patient lief wirklich aus. Er hatte bereits einen grauen Hautton und aus seinem Mund lief braune Flüssigkeit in Strömen, als hätte jemand den Wasserhahn aufgemacht. Ich drehte ihn zur Seite, obwohl ich wusste, dass es längst zu spät war. Mein Kollege und ich fuhren in den Schockraum, versuchten den Atemweg freizumachen, während ein anderer die Herzdruckmassage begann. Als der Internist da war, ließ er uns die Reanimation abbrechen. Es war ein Darmkrebspatient, der keine lebensverlängernden Maßnahmen wollte und eine Patient:innenverfügung besaß. Er hatte sich wegen Übelkeit und Bauchschmerzen seit 2 Tagen vorgestellt, wollte eigentlich gegen ärztlichen Rat heimgehen, dann aber doch das bildgebende CT abwarten. Er bekam Kontrastmittelflüssigkeit zu trinken, damit die Bildgebung stattfinden konnte. Nach dem CT lag er auf dem Flur, weil immer mehr Notfallpatient:innen eingeliefert wurden und sein Behandlungsraum mittlerweile belegt war. Niemand von uns bemerkte seine rapide Verschlechterung.

Niemand konnte auf die Übelkeit reagieren. Niemand, bis auf den psychiatrischen Patienten, der nun diesen Mann an seinen eigenen Exkrementen ersticken sah. Ein Bild, das sich auf ewig auch in meinen Kopf eingebrannt hat.