Sterben und gesehen werden

aus Berlin


Ich arbeite seit 42 Jahren im Krankenhaus als Pflegekraft.

Eigentlich hörte sich die Übergabe vom Früh- zum Spätdienst relativ normal an und so wollte ich meinen üblichen Gang mit Begrüßung der Patient:innen und gleichzeitiger Verteilung der intravenösen Antibiosen beginnen.

Normaler Spätdienst, das heißt die meist alleinige Versorgung von 18 Patient:innen. Pflegefälle, Neuaufnahmen, Isolierungszimmer, Monitorüberwachung, Visitenausarbeitung mit Medikamentenänderungen etc. Fotodokumentation von Wunden, Entlassungsmanagement, Entlassungen, Begleitung Sterbender, Telefondienst, Verteilung des Abendbrotes mit Nahrungsanreichung, Abarbeiten von Patient:innenrufen, Angehörigengespräche, zur Zeit Kontrolle der Impfnachweise von Angehörigen…..Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Tätigkeiten ohne besondere Vorkommnisse wie Reanimation, Patient:innenstürze, sonstige Notfälle! Soweit hat man sich schon an Stress gewöhnt!

Nun aber zu diesem Spätdienst: Zu Beginn des Spätdienstes benötigte der Stationsarzt Hilfe, da der Patient während einer Punktion dringend seine Notdurft verrichten musste. Zur gleichen Zeit brachte der Transportdienst aus der Rettungsstelle einen im Sterben liegenden Patienten mit diversen Wunden. Mir fehlte die Information über den präfinalen Zustand und es musste dringend eine Wechseldruckmatratze bestellt werden. Außerdem erfolgte eine sogenannte „Umschiebeaktion”, da der Patient sonst in einem 4-Bett-Zimmer gestorben wäre.

Besucher:innen warteten vermehrt auf dem Stationsflur, um ihren Impfnachweis vorzuzeigen und begutachteten den noch immer auf der Trage liegenden Sterbenden. Andere Besucher:innen, schon völlig genervt vom Warten, gingen ohne Erlaubnis in die Zimmer.

Auf dem Weg zu einer Patientin, welche die Klingel betätigte, sah ich, dass in einem Patient:innenzimmer ein psychiatrischer Patient total entblößt in seinen Fäkalien lag. Nicht sehr angenehm für den Mitpatienten und dessen Angehörige, die das mitbekamen!

Die Patientin, die den Schwesternruf betätigte, erwartete mich hyperventilierend und teilte mir mit, dass sie unbedingt einen Arzt benötige. Dieser hätte ihr mitgeteilt, dass sie schwer krank sei und sie jetzt sterben müsse. Leider hatte ich keine Zeit, um sie zu beruhigen und hetzte wieder zu dem Sterbenden, den ich erstmal, noch immer auf der Trage liegend, in ein Zimmer (ab)schob, um ihn von den Blicken der Neugierigen zu schützen. Kümmern konnte ich mich noch immer nicht, da plötzlich auf dem Stationsflur ein Patient mit einer Kopfplatzwunde lag.

Lieber Gott, lass nicht nun noch jemand Herzschmerzen bekommen! Bis zur Verteilung des Abendbrots waren wenigstens die intravenösen Antibiosen verteilt, der psychiatrische Patient gesäubert, der Patient mit Luftnot einigermaßen versorgt, ebenso der Patient mit der Kopfplatzwunde und der Sterbende lag zumindest in seinem Bett, die Versorgung der Wunden musste später erfolgen. Die nächste Neuaufnahme stand schon auf dem Flur, erst nach der Essensverteilung erhielt er seine dringende Monitorüberwachung.

Inzwischen war es bereits 19 Uhr! Zum ersten Mal an diesem Tag musste nun endlich etwas Dokumentation erfolgen, bevor die Abendbrottabletts eingesammelt und ich die abendliche Bettenrunde beginnen konnte. Während dem Anlegen der Kurven der Neuaufnahmen und Ausarbeitung von ärztlichen Anordnungen, biß ich ein paar Mal von meiner vertrockneten Stulle ab.

Wer mitgezählt hat, dem fällt auf, dass ich in meinem Bericht lediglich von 6 Patient:innen berichtet habe. Ab 20 Uhr war ich dann bemüht den Bedürfnissen der restlichen 12 Patienten nachzukommen.

Dieser Spätdienst ist schon lange keine Ausnahme, sondern inzwischen Normalzustand.