Wenn nichts mehr hilft


Einer dieser Nachtdienste, in denen man eigentlich bei Dienstbeginn schon weiß, dass man kaum dazu kommen wird alle seine Patient:innen gut zu versorgen.

Als die Station betrete, läuten über den ganzen Flur Alarme, Monitore, Perfusoren und Infusomaten. Das Telefon klingelt unaufhörlich. Meine Kolleg:innen sind in den Zimmern und kümmern sich um ihre Patient:innen, auf dem Flur befindet sich niemand.

Ich wandere an die Zentrale und gehe ans Telefon, ein Angehöriger, der wissen will was mit seinem Vater ist, ich muss ihn leider vertrösten, da ich noch keine Übergabe habe und seinen Vater nicht einmal kenne, er ist erst seit heute bei uns.

Im Vorbeirennen grüßt mich eine Kolleg:in und schüttelt den Kopf, ab zum BGA Gerät, um Blut von ihren Patient:innen zu analysieren. Mein Kaffee ist heiß und ich setze mich in den Übergaberaum. Langsam trudeln die anderen Kolleg:innen ein und wir schauen uns um. Mehr werden wir wohl nicht.

Mitten in der COVID Pandemie ist die Patient:innen Aufteilung durchaus erschwert, wache Patient:innen brauchen viel Aufmerksamkeit und Hilfestellung, die beatmeten Patient:innen sind oft sehr instabil, auch hier muss man viel Zeit auswenden um allen gerecht zu werden. Außerdem ist das sichere Isolieren, um das Zimmer zu betreten, zeitaufwendig.

Wir sortieren uns und starten jeweils mit den Übergaben, ich habe zwei Frauen, die an COVID erkrankt sind, beide beatmet, eine davon auf dem Bauchliegend, die andere im Entwöhnungsprozess der Beatmung. Ein junger Mann mit ECMO wird von einer anderen Kolleg:in betreut, wir sind nicht genug damit sie eine 1:1 Betreuung durchführen konnte.

Als hätte ich geahnt, dass dieser Dienst uns alle beanspruchen würde, gehe ich direkt nach der Übergabe noch zur Toilette, ich habe meine Menstruation.“ Wunderbar“, denke ich.

Als ich zurückkomme stehen plötzlich alle Kolleg:innen vor meinem Zimmer und sagen „Irgendwas stimmt da nicht“, ich schaue durch die Tür auf meine Patientin und den Monitor, ich stelle erschreckt fest, dass meine Patientin fahl wirkt und auf dem Monitor die Sauerstoffsättigung bedenklich niedrig ist. Meine Kolleg:innen rufen nach den zuständigen Ärzt:innen. Schnell ziehe ich die Isolationskleidung an, checke zweimal, ob meine Maske festgenug sitzt und das sich jemand anziehen soll.

Im Zimmer kontrolliere ich schnell Beatmung und die laufenden Medikamente, keine Fehlerquelle ist zu sehen. Ich höre die Patientin ab, höre, ob ich Sekret aus ihren Lungen absaugen kann, damit die Sauerstoffsättigung wieder steigt. Nichts

hilft, meine Kolleg:innen draußen fragen was ich brauche, ich sage Medikamentennamen und ein paar Sachen, die nützlich sein könnten.

Mein ärztlicher Kollege kommt rein mit Ultraschallgerät und Bronchoskop bewaffnet, um direkt nachvollziehen zu können, was das Problem ist.

Sein Tagdienst Kollege kommt direkt mit rein, die Situation ist zu brenzlig, um es alleine zu machen, meine Kolleg:innen sind noch draußen, immerhin warten noch andere Patient:innen darauf, dass man sich kümmert.

Die Sauerstoffsättigung der Patientin fällt wieder und diesmal noch niedriger, jetzt fällt auch ihr Blutdruck. Wir müssen reanimieren, sofort kommen zwei Kolleg:innen zu mir ins Zimmer, um zu helfen. Bedeutet aber, dass eine Kollegin allein für die restlichen Patient:innen zuständig ist.

Was bedeutet das eigentlich? Plötzlich Verantwortung für so viele Patient:innen zu haben: Vitalwerte eintragen, in die Zimmer gehen, Blutwerte ermitteln, Telefone bedienen und noch viel mehr.

Wir reanimieren jetzt seit 10 Minuten und einer der Ärzte macht eine Ultraschalluntersuchung, und stellt fest, dass die Patient:in Blut im Brustkorb hat, wir brauchen also noch mehr Sachen und mehr Medikamente und Blut, sehr viel Blut….

Glücklicherweise sind noch ärztliche Tagdienstkolleg:innen da, die sich um das Blut kümmern können.

Wir legen derweil einen Schlauch in den Brustkorb, um das Blut abzuleiten.

Immer wieder müssen wir die Patientin reanimieren, wir versorgen Sie Literweise mit Flüssigkeit, Blut und Gerinnungsprodukten. Der Schlauch mit dem Kasten, der das Blut auffängt, füllt sich in sehr kurzer Zeit und es blutet auch noch aus der Einstichstelle extrem, weil wir weiter reanimieren ist das Blut mittlerweile überall. Ich bin komplett mit Blut verschmiert, meine Kolleg:innen auch.

Mittlerweile bin ich seit 4 Stunden bei einer Patientin, meine andere Patientin habe ich nicht mal gesehen bisher, ich hoffe inständig, dass meine Kollegin, die draußen ist, Zeit hatte nach ihr zu schauen um wenigstens Medikamente zu geben, nach den laufenden Medikamenten zu schauen und Blut abzunehmen. Was mir auch auffällt, ist dass meine Menstruation zugenommen hat und ich eigentlich dringend zur Toilette müsste… aber wann? Meine Patientin braucht meine Hilfe und meine Kolleg:innen können mich auch nicht eben auslösen, und das Aus- und Einschleusen würde zu viel Zeit kosten. Also, Zähne zusammenbeißen und hoffen, dass ich eine Ersatzunterhose im Spind habe für später.

Wir reanimieren, wieder und immer wieder, die Frau ist jung und eigentlich war der Plan morgens ihren Beatmungsschlau zu entfernen, doch daraus wird heute nichts mehr. In einem Moment, in dem wir nicht reanimieren treten wir einen Moment zurück und überlegen was wir noch tun können. Das Blut der Patientin ist inzwischen zweimal ausgetauscht, die Medikamente für die Gerinnung sind ausgeschöpft, die Beatmung der Patientin ist am maximum und die

Medikamente zur Kreislaufunterstützung laufen in unfassbar hohen Dosen. Die Angehörigen der Patientin sind über den Zustand schon informiert und auf dem Weg, gemeinsam überlegen wir, ob es noch etwas gibt was zu tun wäre um die Patientin zu retten…. Wir stellen fest, es gibt nichts mehr.

Die Patientin verstirbt. Mit uns anwesend aber nicht mit ihren Angehörigen, so schnell konnte niemand da sein.

Weil wir so eingespannt waren, mussten wir bei allen anderen Patient:innen Schadensbegrenzung betreiben, keiner von uns hatte Zeit um adäquat die anderen zu versorgen.

In der Nacht kamen noch zwei Notfälle zu uns, es war nicht möglich alle Patient:innen so zu versorgen wie sie es verdient hätten.

Ich blieb bis 9 Uhr nach dem Nachtdienst, da weder mein ärztlicher Kollege noch ich Zeit hatten, alles zu dokumentieren, was bei der Patientin gemacht wurde.

Noch heute denke ich an diesen Dienst und bin froh, dass nichts zusätzlich passiert ist, etwas was wir vermutlich nicht bemerkt hätten.