Der Schrei der Mutter verfolgt mich bis heute


Ich möchte gern von einem Dienst berichten, der mich sehr belastet hat.

Es waren nicht viele Leute im Dienst. Ich war neu und hatte daher die gesündesten Kinder. Als nun ein Kind mit Verdacht auf Ertrinkung angekündigt wurde, musste schnell entschieden werden, wer in die Notaufnahme geht, um das Kind in Empfang zu nehmen. Da das Kind stabil angekündigt war, sollte ich gehen, da ich ja die gesündesten Kinder hatte und man diese am einfachsten auf die Kolleg:innen verteilen konnte.

Es war mein erster Notaufnahmen-Einsatz und ich war sehr aufgeregt, hatte aber zum Glück eine erfahrene Ärztin dabei. Letztendlich war das Kind maximal schlecht und ist leider in der Notaufnahme verstorben. Als wir der Mutter sagen mussten, dass ihr Kind tot ist, schrie sie laut auf und rannte zu ihrem Kind. Sie fiel auf die Knie und hielt uns ihr totes Kleinkind hin, flehte uns an, die Reanimation fortzusetzen. Als wir ihr erklärten, dass wir nichts mehr für ihr Kind tun konnten, begann sie damit selbst Atemspende zu geben und versuchte das Kind wiederzubeleben. Nachdem ich lange versucht hatte die Mutter zu beruhigen und sie mehrmals nach einer leeren Spritze mit Luft gebeten hatte, um sich selbst das Leben zu nehmen, wurde sie mit ihrem toten Kind in ein separates Zimmer verlegt um dort auf die Polizei und die Kolleg:innen aus der Psychiatrie zu warten. Nun suchte ich nach der Ärztin, um mit ihr zurück auf Station zu gehen. Sie saß allerdings reglos vor zwei Dokumenten. Das eine war eine Geburtsurkunde des Kindes mit ihrer eigenen Unterschrift. Das andere war der noch nicht unterschriebe Totenschein. Ihre Unterschrift würde also auf beiden Dokumenten stehen.

Nachdem sie sich durchgerungen hatte das Dokument zu unterzeichnen gingen wir zurück auf Station. Beide völlig fertig und emotional ausgelaugt. Auf Station mussten wir beide sofort wieder funktionieren. Als ich später weinend im Schwesternzimmer zusammenbrach, hatte keine andere Schwester auch nur eine Minute Zeit, mich zu trösten. Im Laufschritt eilten sie an mir vorbei und riefen mir nur im Vorbeigehen aufmunternde Worte zu. Es gab keine Möglichkeit die Situation angemessen nachzubesprechen. Es gab keine Möglichkeiten oder Angebote, die Geschehnisse aufzuarbeiten.

Der Schrei der Mutter verfolgt mich daher bis heute.