Als wären wir an allem schuld


Winter 2020 Covid Intensivstation

Der Dienst startet mit der Information, dass bereits ein Covid Patient im Vordienst kurz vor Übergabe verstorben ist.

Er muss noch in die Pathologie gebracht werden, damit das Zimmer grundgereinigt werden kann. Meine beiden anderen Patienten leben noch. Während der Übergabe verstirbt leider auch noch einer dieser beiden.

Ich denke mir: “Oha, noch keine 30 Minuten hier und schon zwei Verstorbene.“

Das ist auch für mich keine alltägliche Situation.

Das macht mich traurig, ich schlucke, und konzentriere mich wieder auf die Arbeit.

Die Beatmungsmaschine läuft weiter, die Infusionen auch.

Ich muss in das Zimmer des Verstorbenen, um alles auszustellen.

Dafür muss ich mich verkitteln, das dauert.

FFP 3 Maske an, Kopfhaube aufsetzen, Schutzkittel anziehen, Visier auf, Handschuhe an.

Zwei Paar, sicher ist sicher! Sitzt alles richtig?

Ist die Maske dicht, oder beschlägt meine Brille doch ein bisschen beim „Ausatemcheck“?

Es fällt mir immer erst schwer durch die dicht sitzende Maske Luft zu holen. Aber die anderen Gedanken überwiegen. Bloß nicht anstecken, nichts mit nach Hause nehmen, nicht mein Kind oder Mann gefährden.

Ich schalte den Monitor aus, auf dem die Nulllinie klar anzeigt: “Auch dieses Herz schlägt nie wieder.“

Wieder jemand, der ganz allein verstorben ist.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, denn der Alarm von meinem dritten Patienten geht los.

Keine Zeit für Mitgefühl und Trauer.

Ausziehen der Isosachen, richtige Reihenfolge beachten, bloß nichts vergessen, lieber zweimal die Hände desinfizieren, alles wieder neu anziehen und zum dritten Patienten.

Schwer krank, beatmet, aber er lebt noch!

Sekret aus der Lunge absaugen, Alarme am Monitor kontrollieren, Medikamente verabreichen.

Routine, doch auch dort werde ich wieder unterbrochen. Der Arzt kommt zu mir und bittet mich schnellstmöglich den Patienten, der schon im Vordienst verstorben ist, in die Pathologie zu bringen.

Das Bett wird dringend benötigt, der nächste COVID Patient ist auf dem Weg zu uns.

Der lange Weg in die Pathologie raubt mir Zeit.

Bis in den Keller fahren, den in einem flüssigkeitsdichten Leichensack gelegten Patienten ins Kühlfach schieben…… unangenehm!

Und so viele Gedanken im Kopf, was ich alles noch schnell erledigen muss.

Immer Desinfektionstücher in der Hand, um alles abzuwischen, was wir berührt haben.

Aufzugknöpfe, Türklinken, damit sich niemand ansteckt.

Auch Verstorbene sind noch infektiös!

Die Blicke der Passanten erschreckend.

Als wären wir an allem schuld.

Sie machen alle einen großen Bogen um uns oder drehen sich weg.

Als wären wir Aussätzige, kein schönes Gefühl!

Zurück auf Station.

Alle hetzen durch die Schicht. Keiner hatte Zeit, meinen zweiten Verstorbenen zurückzudrehen.

Er liegt immer noch auf dem Bauch. Wir gehen zu ihm, drehen ihn auf den Rücken und starren entsetzt auf den abstehenden Arm.

„Mist!“, die Leichenstarre hat begonnen.

„Oh nein, wie bekommen wir ihn denn jetzt in den Leichensack?“ Der Reisverschluss geht nicht zu, der Arm schaut raus.

Wir drücken den Arm zu zweit mit aller Kraft herunter, es knackt. Totenstille im Raum.

Wir schauen uns an und fangen voller Verzweiflung an zu lachen.

Kompensation?

„Das darfst Du keinem erzählen!“ sag ich meiner Kollegin.

Das glaubt uns doch keiner.

Das ist mir noch nie passiert, mich plagen Schuldgefühle. Hätte ich ihn doch nur vorher auf den Rücken gedreht. Aber wann?

Stellen Sie sich vor, das wären Sie, oder Ihre Kinder, Ihre Eltern oder Freunde gewesen.

Das wünsche ich keinem Patienten, keinem Angehörigen und keinem Kollegen.

Mittags gehe ich ohne Pause gemacht zu haben und mit mulmigem Gefühl im Bauch nach Hause. Ohne Erfolgserlebnis, ohne wirklich geholfen zu haben.

Die beiden Betten der Verstorbenen sind wieder neu belegt, wie furchtbar.

Fließbandarbeit im Krankenhaus, keine Zeit für Trauer und Mitgefühl.

Zu Hause sofort duschen, Haare waschen, Sachen in die Waschmaschine werfen, alles ablegen, alles abwaschen, vergessen.

Erst dann begrüße ich meine Familie. Vergessen? Nicht möglich! Auch 1.5 Jahre danach beschäftigen und belasten mich Schuldgefühle.