Eine Anästhesie-Pflegekraft erzählt

aus Berlin


Es war in einem Frühdienst unter der Woche im allgemeinchirurgischen OP. Wir hatten ca. zwei Stunden nach Dienstbeginn einen Patienten, der von der OP-Koordination geordert worden war. Allerdings war dies nicht mit uns abgestimmt. Der Patient lag in der Einleitung, wir haben uns um ihn gekümmert, ihn verkabelt, ihm gesagt, dass wir zu anderen Patient:innen müssten und er leider noch nicht dran sei. Es konnte niemand länger bei ihm stehen bleiben, weil wir uns um andere Patient:innen und deren Ein- sowie Ausleitung kümmern mussten, sodass er dann alleine in der Einleitung lag. Er war bereits eine Stunde da als er anfing sich zu beschweren, dass das alles sehr lange dauere. Es verging eine weitere Stunde. Um die Situation nachzuempfinden ist es wichtig zu wissen, dass der Patient in dieser Situation auf einer harten Tischplatte liegt, mit einem Gurt fixiert ist, nackt bis auf das OPTuch und letztlich seiner Freiheit in diesem Moment beraubt wird. Die Zeit verging. Irgendwann fing der Patient an zu schreien. Er wollte raus und mit seinem Arzt reden. Daraufhin konnten wir nur noch die OP-Koordinatorin anpiepsen und an unserer Stelle zu ihm schicken, weil wir alle kein Zeitfenster hatten. Es eskalierte nach dreieinhalb Stunden. Ich kam von der Ausleitung aus einem Saal und der Patient war mittlerweile aufgestanden, stand mit diesem Tuch auf dem OP-Flur und schrie laut. Meine Kollegen keiften in ihrer Verzweiflung hektisch den Patienten an, dass er hier nicht auf dem Flur rumlaufen und schreien könne. Nach 4 Stunden wurde der Patient dann endlich eingeleitet. Es kann immer sein, dass zum Beispiel eine OP länger dauert oder ein Notfall dazwischen kommt. Deswegen muss die Bestellung der Patient:innen mit uns abgestimmt sein. Wir als Anästhesie-Pflegekräfte sind diejenigen im OP, die mit den Patient:innen kurz sprechen, ihre Ängste abfedern und uns kümmern. Ich frage mich dann, wofür ich eigentlich da bin. Als Pflegekraft ist es schwer so etwas wie diesen Frühdienst mit anzuschauen, besonders wenn ich merke, dass ich nichts dagegen unternehmen kann und diese Situation für den Patienten und für uns problemlos vermeidbar wäre. Der Mensch bleibt hier auf der Strecke. Es ist bei uns mittlerweile wie in der Fabrik - es wird nur geschaut, dass keine Minute im Einleitungssaal und im OP-Saal ungenutzt bleibt, um maximal Geld zu verdienen. Dass dabei der Schutz der Identität der Patient:innen mit Füßen getrampelt wird, stört dabei auch niemanden. Wenn ich als Patient ewig im Gang auf dem Tisch vor den Sälen liege mit vielen anderen und dabei auch noch der OP-Müll neben mir steht, kann etwas nicht richtig laufen.